Das Unternehmen

In seinen Lebenserinnerungen erklärt Hermann Meyer-Lippinghausen seine Motivation, eine Margarinefabrik zu gründen:

Als unsere Kinder nun größer wurden und ihre Zahl sich nach und nach auf zehn erhöhte, dachte ich daran, ihnen eine sichere Existenz für die Zukunft zu schaffen und kam auf den Gedanken, eine Margarinefabrik zu gründen. In Cleve am Niederrhein war der erste Anfang der fabrikmäßigen Erzeugung von Margarine in Deutschland gemacht worden. Diese Industrie war von Holland zu uns gekommen. Ich habe mich dort genau erkundigt, wie die Margarinezubereitung vor sich ging. Der Plan, auch eine solche Fabrik ins Leben zu rufen, war nun gefasst, denn ich sah ein, dass eine solche eine hoffnungsvolle Zukunft haben müsse.“

Gesagt – getan! 1895 begann die Produktion der ersten Margarine. Es geschah noch vieles in Handarbeit.

Zwischen 1895 und 1902 erbaute Hermann rund um sein Haus an der Bünder Straße die erste Margarinefabrik in Westfalen.

Bünder Straße um 1915 von heutiger Einfahrt zur Tankstelle Hempelmann aus in Richtung Eilshausen: Das Gebäude vorne links hatte Hermann für die Zigarrenherstellung errichten lassen. Es wurde 1936 ersetzt durch das heutige Wohnhaus Nr. 189. Hinten links Gasthaus und Bäckerei Meyer, später „Deutsches Haus“ (heute Wohnhaus), hinten Mitte Möbelfabrik Schmidt & Sohn (heute Bürogebäude der Fa. INOSOFT GmbH). Vorne rechts das Gebäude, das Hermann als Wohnhaus mit Gastwirtschaft und Bäckerei hatte bauen lassen, dahinter das später angebaute Maschinenhaus und Kesselhaus mit Schornstein.

Die meisten Geräte und Maschinen kamen aus Holland. Ein Prototyp der von der Herforder Firma Meyer & Schwabedissen neuentwickelten Lokomobile (eine Dampfmaschine auf Rädern) sorgte für den Antrieb der ersten Maschinen. Später übernahmen zwei von Dampfmaschinen angetriebene Generatoren die Stromversorgung der Maschinen und später auch von Teilen von Lippinghausen und Sundern.

Die von Dampfmaschienen angetriebenen Generatoren in dem neben dem Wohnhaus errichteten Maschinenhaus

Zwei etwa 100 Meter tiefe Brunnen lieferten das Wasser für die Herstellung der Margarine und später auch für die Wasserversorgung umliegender Wohnhäuser. Mit den Jahren entstand ein imposanter Fabrikkomplex, in dem die Margarine hergestellt und verpackt wurde.

Aus den Behältern oben wurde die flüssige Fett/Wasser-Emulsion auf die gekühlten Trommeln unten geleitet, auf denen die Emulsion erstarrte, abgeschabt und anschließend verdichtet wurde.
Armaturentafel der Kältemaschine
Eins von vielen verschiedenen Kachel-Motiven
Typenschild vom Lastenaufzug
Die Qualität der Margarine, Fette und Öle wurde in einem eigenen Lebensmittellabor überwacht.
In gefliesten Fabrikhallen mit blau-weißen Kacheln verzierten Wänden erfolgte die …
… Verpackung der Margarine in Stangen, Würfeln, Bechern, Kisten und Töpfen:

Die erwachsenen Kinder von Hermann wurden in die Arbeit für das Unternehmen eingebunden. Die „Herforder Westfälische Süssrahm Margarinefabrik“ wurde schnell zu einem der größten Arbeitgeber im hiesigen ländlichen Ravensberger Raum. Vertriebs-Niederlassungen entstanden zusätzlich in Bitterfeld und Altenburg.

1905 wurde die Fabrik durch ein prächtiges Kontorgebäude im Neo-Barock-Stil ergänzt. Auf dem Kontorgebäude thronte ein Uhrenturm, der über Jahrzehnte als Wahrzeichen von Lippinghausen angesehen wurde.

Blick auf das Kontorgebäude von Süden
Der Weg zum Haupteingangsportal führte von der Bünder Straße von der Stelle aus, an der heute noch die mächtige Rotbuche an der Einfahrt zur Tankstelle von der Bünder Straße steht.

1907 ließ Hermann ein 2,2 km langes Gleis von der Fabrik bis zur Kleinbahntrasse im Füllenbruch legen, die damals von Vlotho über Bad Salzuflen, Herford, Enger und Spenge bis Wallenbrück verlief. Es war der längste private Anschluss an dieses Schmalspur-Kleinbahnnetz.

Die Luftaufnahme stammt aus der Zeit vor dem Bau der Schweichler Straße und des Kreisels zwischen der Bünder und der Milchstraße

Im selben Jahr reiste Hermann nach Antwerpen, vermutlich um eine Lokomotive zu kaufen.

Vermerk auf der Rückseite: „Zur freundlichen Erinnerung, Antwerpen den 15. Dez. 1907, Ser. Mayer“ (Foto zur Verfügung gestellt von Frau Rempel, ehemalige Mitarbeiterin der Margarinefabrik)

Am Kleinbahnhof in Herford wurden die firmeneigenen Waggons von ihren Rollböcken auf das breitere Gleis der Staatsbahn umgesetzt. Der Schriftzug der „Lippinghäuser Süßrahm Margarine“ oder später „Teutonia“ rollte von hier aus vornehmlich nach Thüringen, Sachsen, Schlesien, Brandenburg und Berlin und machte den Namen des „Margarinedorfes“ Lippinghausen weithin bekannt.


Waren zu Beginn der Margarineproduktion die Grundstoffe wie Rinderfett und Milch noch hauptsächlich tierischen Ursprungs, gewannen zunehmend pflanzliche Fette und Öle an Bedeutung. Erd- und Kokosnüsse sowie Palm- und Baumwollsaatöl bildeten die Ausgangsstoffe, die vornehmlich aus Afrika bezogen wurden. In den Ölmühlen in Hamburg wurden die Rohstoffe extrahiert und raffiniert und mit Tankwaggons nach Lippinghausen transportiert. Um unabhängiger von Hamburger Raffinerien zu werden, begann Hermann 1908 mit dem Bau der ersten Raffinerie Westfalens, die 1909 ihre Produktion aufnahm.

Raffinerie in einem ungewöhnlich aufwändig gestalteten Industriebau

Der Aufschwung und der unternehmerische Erfolg seines Unternehmens wurden durch den ersten Weltkrieg unterbrochen, wie die meisten Arbeiter wurden auch die Söhne als Soldaten eingezogen und fehlten damit in der Produktion und Geschäftsführung. Zu Hermanns Unterstützung blieben nur noch sein Sohn Hermann jun. und seine Töchter Auguste und Mathilde. Nach dem Krieg kehrten die Söhne alle wohlbehalten zurück.

Die Firma entwickelte sich trotz der Inflation bis zur Weltwirtschaftskrise weiter. Nach dem Tod Hermanns im Jahr 1926 gründeten die Kinder die Kommanditgesellschaft „H. Meyer-Lippinghausen Margarine und Raffinationswerke KG“. Die drei Söhne Hermann jun., Heinrich und Friedrich führten gemeinsam das Unternehmen weiter. Der zunehmende Kraftverkehr für den Transport der Produkte auf der Straße machte eine Verladehalle notwendig, die 1930 fertiggestellt wurde.

Mit der Machtübernahme 1933 führte die NS-Wirtschaft die Kontingentierung der Produktion und somit eine Planwirtschaft ein. Die Produktion von Lebensmitteln wie Margarine, Fetten und Speiseölen genoss in der Planung der Machthaber im Hinblick auf den geplanten Krieg Priorität, weil Deutschland selbst nur über wenige originäre Rohstoffe verfügte.

Der Beginn des Zweiten Weltkrieges lähmte die weitere Produktion nicht wesentlich, da Lebensmittelherstellung vom Staat mit hoher Priorität verfolgt wurde. Dennoch wurden wie im ersten Weltkrieg Mitarbeiter zum Kriegsdienst eingezogen. Die Produktion konnte jedoch weitgehend aufrechterhalten werden, obwohl Meyer-Lippinghausen keine Zwangsarbeiter beschäftigte. Die Produkte wurden anonymisiert („Tafelmargarine“). Die Raffinerie musste stillgelegt werden und wurde erst in den fünfziger Jahren wieder in Betrieb genommen.

Kapitulation und Teilung Deutschlands in vier Besatzungszonen bedeutete einen tiefen Einschnitt. Die Besatzungsmächte regelten die weitere Produktion ebenfalls planwirtschaftlich, in Deutschland blieben nur neun Firmen mit Margarineproduktion übrig. Meyer-Lippinghausen war dabei.

Nach der Währungsreform und dem langsamen Abbau der Lebensmittelkartenwirtschaft begann der moderne Wettbewerb Ludwig Erhards. Hier erwuchs dem Betrieb ein strukturelles Problem: innerhalb der drei Westzonen war Meyer-Lippinghausen nicht positioniert, die Ostzone mit den traditionellen Absatzgebieten der Firma wurde abgeschnitten. Thüringen und Sachsen wurden für die Marken „Teutonia“, „Westfalenwunder“ und Co. unerreichbar. Neue Vertriebspartner zu gewinnen und neue Handelsstrukturen zu entwickeln, wurden zum Wettlauf mit ungleichen Voraussetzungen. Dem heftigen Konkurrenzkampf mit der nun üblichen Fernsehreklame der großen Lebensmittelkonzerne hielt der Familienbetrieb nicht mehr lange stand.

Luftbild von den Gebäuden der Margarinefabrik 1967

1969 wurden die H. Meyer-Lippinghausen Margarine und Raffinationswerke KG an den belgischen Konzern Vandermortele verkauft. Zwei Jahre später erfolgte die Stilllegung der Produktion von Lippinghauser Margarine, Fetten und Ölen, viele Mitarbeiter verloren ihren Arbeitsplatz. In Belgien hergestellte Waren wurde fortan unter dem eingeführten Markennamen „Meylip“ über das in Deutschland nach dem Kriege neu aufgebaute Kundennetz vertrieben. Die Firma wurde umbenannt in „Meylip Nahrungsmittelgesellschaft mbH & Co KG“. Vandermortele konnte den Firmenumsatz innerhalb eines knappen Jahrzehnts verzehnfachen. Die Produktionsstätten in Lippinghausen waren jetzt verwaist, lediglich das Kontorgebäude wurde für die Verwaltung weiterhin benutzt.

Ende 1983 stellte die Firma Meylip beim Kreis Herford einen Abbruchantrag für Schornstein und Raffineriegebäude. Parallel dazu wurden Anfang 1984 die Gebäude durch die Gemeinde auf eine vorläufige Denkmalliste gesetzt. Als dieses bekannt wurde, erweiterte die Firma Meylip umgehend ihren Abrissantrag auf „den gesamten Gebäudekomplex“. Ein Wettlauf zwischen den beiden Verwaltungsvorgängen, der Unterschutzstellung als Baudenkmal einerseits und der Erteilung der Abbruchgenehmig andererseits begann.

Sofort nach Erhalt der Abbruchgenehmigung begannen am 6. März 1984 Bagger vollendete Tatsachen zu schaffen, indem sie als erstes mit dem Abriss des Kontorgebäudes begannen. Mitarbeiter des Landesamtes für Denkmalpflege aus Münster trafen zu spät in Lippinghausen ein, um den Abbruch noch zu verhindern. Als sie am nächsten Tag eintrafen, konnten sie nur noch urteilen: „Das Kontorgebäude war ein Denkmal!“ Eine Bürgerinitiative konnte nur noch erreichen, dass wenigstens der Uhrenturm gerettet wurde.

Während das Herforder Kreisblatt aufgrund der Bürgerinitiative noch am 6. März 1984 hoffnungsvoll titelte „Meylip – Doch kein Abbruch?“, lautete die Überschrift eines Artikels an gleicher Stelle am Folgetag „Rettungsversuch fehlgeschlagen“, ergänzt durch ein Foto des zur Hälfte abgerissenen Kontorgebäudes.

Was bleibt? Neben den Erinnerungen bleibt der Uhrenturm des Kontorgebäudes als Wahrzeichen erhalten. Nachdem dieser zwei Jahre unter freiem Himmel lagerte, holte die Gemeinde ihn nach Hiddenhausen zurück und restaurierte ihn. Seit 1988 steht er nun als Wahrzeichen, als Denkmal und als Teil des Hiddenhauser Geschichtsweges neben dem Rathaus in Lippinghausen und erinnert an die 90jährige Firmengeschichte der Margarinewerke Meyer-Lippinghausen.

Im Jahr 2020 ließ die Firma Sokratherm auf dem Grundstück der ehemaligen Werkschwimmanstalt an der Bünder Straße ein Bürogebäude errichten. Eine von der Bildhauerin Christel Lechner (bekannt für ihre Alltagsmenschen)im Auftrag von Firmengründer Hermann Meinhold geschaffene lebensgroße Figur von seinem Urgroßvater schaut vom Balkon des Bürogebäudes auf das ehemalige Firmengelände.