Das Dorf

Die Entwicklung vom „Bauerndorf“ zum „Margarinedorf“ verdankt Lippinghausen dem Wirken der Familie Meyer-Lippinghausen nicht nur als einst größter Arbeitgeber vor Ort, sondern auch in vielfältiger Art und Weise als Förderer in anderen Bereichen des lokalen Gemeindelebens, was im Folgenden gezeigt werden soll.

Hermann Meyer-Lippinghausen war seit 1891 Presbyter und seit 1902 Gemeindevorsteher in Lippinghausen. Beide Ämter behielt er bis zum seinem Tod 1926 inne.

Um 1900 gehörte nur die Kirche St. Gangolf in Hiddenhausen zu dem alten Kirchspiel Hiddenhausen, welches neben Hiddenhausen auch die Dörfer Eilshausen, Lippinghausen und Oetinghausen umfasste. Da diese Kirche für die stetig wachsende Gemeinde nicht mehr ausreichte, wurden ab 1905 vereinzelte Gottesdienste für Lippinghauser und Oetinghauser in der alten Oetinghauser Schule gehalten. Ursprünglicher Plan war dann ab 1907 die Mitnutzung der neuen Oetinghauser Schule für Gottesdienste und später der Bau eines Pfarrhauses an der Grenze zwischen Oetinghausen und Lippinghausen.

Hiermit waren die Lippinghauser nicht einverstanden, da sie weiterhin eine „echte“ Kirche und keinen Schulbau für Gottesdienste nutzen wollten. Hermann Meyer-Lippinghausen übernahm die Initiative und schilderte die nachfolgenden Ereignisse in seinen Lebenserinnerungen folgendermaßen: „Dennoch hielt der Kirchenrat von Hiddenhausen den alten Beschluss, dass wir nach Oetinghausen gehen sollten, aufrecht. Darum verstreute sich von jetzt an die Gemeinde Lippinghausen zum sonntäglichen Gottesdienst indem ein Teil der Kirchenbesucher nach der Anstalt in Schweicheln, ein Teil nach Herford ging, während der Rest der Mutterkirche in Hiddenhausen treu blieb. Infolge dieser ganz unerquicklichen Verhältnisse in unserer Gemeinde Lippinghausen sagte meine liebe verstorbene Frau zu mir, ich sollte mein Amt als Presbyter niederlegen, denn ich sähe nun doch wohl ein, dass meine Herde sich zerstreut habe, oder ich sollte meinen letzten Groschen dranwenden, dass wir ein Gemeindehaus bekämen. Ich entschloss mich zur Ausführung des letzten Vorschlages. Da ich auf geradem Wege den Bau einer Kirche für Lippinghausen nicht durchsetzen konnte, musste ich dem geplanten gottesdienstlichen Gebäude den Namen Gemeindehaus beilegen. Als der Bau vollendet war, haben wir unser Gemeindehaus am 30.09.1912 eingeweiht. Beim Eintritt in das Gemeindehaus rief der Herr Regierungspräsident von Borries „O Herr Meyer, das ist ja gar kein Gemeindehaus! Das ist ja die schönste Kirche“. Da nickte der Generalsuperintendent Dr. Zöllner ihm zu und sagte lächelnd „Ja, ja, der Herr Meyer verstehts!“ Bei der feierlichen Einweihung hielt dann Herr Dr. Zöllner die Festrede und weihte unser Gemeindehaus ein für sämtliche kirchlichen Zwecke.“

Ein ungewöhnlicher Vorgang: Die politische Gemeinde besaß nun ein kirchliches Gebäude, eine damals wohl einmalige Begebenheit. Hermanns Ehefrau Anne Marie stiftete der Gemeinde noch die Orgel.

Der Kirchturm wurde erst 16 Jahre später gebaut. Diesmal engagierten sich die drei Söhne des bereits verstorbenen Hermann. Sie kümmerten sich um den Bau des Kirchturms und stifteten zu dessen Einweihung im Jahr 1929 drei Stahlglocken. Laut Festansprache wurde „Die erste dem Frieden, die zweite dem Vaterland und die dritte der Familie“ gewidmet.

Kirche um 1930
Transport der Glocken 1929 …
… mit Pauken und Trompeten

Der Kirchbau wurde in den 1970er Jahren abgerissen und durch ein neues Gebäude ersetzt. Der Kirchturm steht unter Denkmalschutz, ist heute noch weithin sichtbar und seine Glocken in Lippinghausen hörbar.

In unmittelbarer Nachbarschaft zur Kirche in Lippinghausen befindet sich die Volksschule, heute Grundschule. Das Gebäude wurde 1890 an dieser Stelle neu gebaut. Anfang der 1930er Jahre bot der einstöckige Bau mit seinen zwei Klassenräumen nicht mehr ausreichend Platz für die Lippinghauser Kinder, deren Anzahl stetig stieg. Die Gemeinde Lippinghausen hatte keine ausreichenden finanziellen Mittel, um die Schule zu erweitern, Zuschüsse seitens der Reichsregierung in Berlin wurden nicht gewährt. Kurzerhand sprang die Familie Meyer-Lippinghausen ein und finanzierte den kompletten Um- und Anbau der Volksschule. Es entstanden durch Verdoppelung der Erdgeschossfläche und Aufstockung insgesamt acht nutzbare Klassenräume, die im Jahr 1934 eingeweiht wurden.

Volksschule um 1930
Neubau Voksschule 1934

Im Jahr 1933 wurde gegenüber dem Firmengeländes auf der anderen Seite der Bünder Straße eine Badeanstalt für die Belegschaft der Margarinewerke und für die Lippinghauser Einwohner gebaut, die sogenannte „Werkschwimmanstalt“. Gefüllt wurde das Becken mit dem warmen Kühlwasser der Dampfmaschinen, das unter der Bünder Straße hindurch in das Becken geführt und von dort wieder zurück zur Fabrik gepumpt wurde. Die zugehörige Technik befand sich im Pumpenhaus direkt neben dem Schwimmbecken. 1939 sollte die Werkschwimmanstalt erweitert und zu einem parkähnlichen Areal ausgebaut werden, unter anderem waren ein Kassenhäuschen mit Kiosk, Umkleidekabinen sowie eine Aschebahn mit Sprunggrube und Spielgeräten geplant. Der Ausbruch des zweiten Weltkrieges beendete jedoch diese Pläne. Nach dem Krieg wurde die Werkschwimmanstalt geschlossen. Das hinderte die Lippinghauser Bevölkerung jedoch nicht daran, es noch bis 1950 mehr oder weniger „illegal“ als lokales Schwimmbad weiter zu benutzen.

Das 27 x 27 m große Becken verfügte über drei verschiedene Ebenen mit Wassertiefen von ca. 1 bis 3 m.

Ebenfalls auf der anderen Straßenseite befand sich ein um 1920 errichtetes, zweiflügeliges Stallgebäude. Es gehörte zu der von Hermann betriebenen Landwirtschaft. Das Gebäude ist 1975 abgebrannt. Dort befinden sich heute drei Wohnhäuser am Sonnenweg.

Stallgebäude 1936

Im Laufe der Jahre hatte Hermann große Teile des Schweichler Berges gekauft und damit seine Landwirtschaftsflächen erheblich vergrößert. Ebenso wie die Margarinefabrik ist auch die Landwirtschaft nach seinem Tode in das Eigentum der von seinen Kindern gegründeten Kommanditgesellschaft übergegangen. Sie ließen den Berg ab 1935 aufforsten und bewirtschafteten den so entstandenen Schweichler Wald zusammen mit der Landwirtschaft.

1960 wurde der Schweichler Wald an den Kreis Herford verkauft, u.a. um den sog. Lastenausgleich zu bezahlen.

1975 wurde die zwischenzeitlich verpachtete Landwirtschaft aufgrund des abgebrannten Stallgebäudes aufgegeben.